ALLöF WIRD GUT - kriminelle Gewächse

Sonntag Morgen. Im Fernsehen läuft eine historische Talksendung. Öffentlich-rechtliches Programm in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Der Gemeinschaftsraum erinnert an eine DDR-Kantine. Sachlich, ist vielleicht zu schick, um die Atmo einzufangen. Meine Augen glasig: Die Stäbchen und die Zapfen haben wieder von Nacht auf Tag umgestellt, aber der Restalkohol bändigt noch meine Nerven. Schlecht geschlafen. Naja, vor allem in den Schockmomenten, wenn mir einfiel, warum: Fremde Pritsche. Sicherheitsglas. Justitias Waage um den Hals.
Der Morgen ist nicht besser als die Nacht. Unerwartet viel Grün schlägt mir in zwei Schattierungen entgegen, das helle an Fensterrahmen und Säulen, ein dunkleres an den Türen. Echte Photonen gibt es nicht, nur eine Sosse, die aus einer Zeile Kopflichter von der langen Wand dringt. Deckenleuchten ergänzen sie zu einem Tageslicht, wie man es vielleicht in Legebatterien erwartet oder Squashhallen. Vom Fußboden schimmert uns das verseifte Hellblau eines Linoleums entgegen. Es riecht nach Orangen. Erinnert mich irgendwie an Marokko.

Fünfzehn Sitzgruppen verteilen sich auf den Raum, dazwischen sechs unsymmetrisch verteilte Säulen. Könnte auch Algerien sein. In der Dürrezeit. Nostalgien: Den traurigsten Philodendron sah ich vor Jahrzehnten in einer Amtsstube, wo man mir meinen Reisepass ausstellte und den Führerschein, den ich zur Zeit schmerzlich vermisse. Ich nehme an, es war derselbe. Philodendren ging es noch nie gut. ALLöF WIRD GUT ...
... auch das mit den Zähnen:

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Oder um es mit Simon zu sagen, den ich auch schon lange nicht mehr gesehen habe: Der Klimawandel wird uns alle treffen. So oder so. Die Kübelpflanze hat hier sicher lebenslänglich. Sie wird vertrocknen.
In dieser freudlosen Gärtnerei für kriminelle Gewächse hängen außer mir noch drei finstere Gestalten herum, zwei weitere tröpfeln nach und nach aus einer grünen Tür an der kurzen Wand. Der Eingang wird durch ein schmales Fenster aus Gitterglas in zwei Teile gespalten und erinnert mit dem robusten Lichtschalter daneben ein wenig an eine Aufzugstür. Immer wenn jemand den Raum betritt, gleißt vorher im Schachtfenster ein Licht auf, sodass man vom Gemeinschaftsraum aus unwillkürlich denkt, die Insassen würden aus dem Hades herauf gefahren. Die älteren unter uns kennen sicherlich noch die StarTrek-Brücke. Maschinenraum Deck fünf. Tatsächlich ist im Vorraum so eine Art Durchgangskontrolle mit einem Fahrkartenschalter, an dem man sich zum Fernsehen an- und abmelden muss.
Es ist noch früh am Tag. Wenig los. Meine Personalien sind als ›nicht feststellbar‹ gekennzeichnet. Daher firmiere ich provisorisch als Safi Raid. Keinen Sinn, den Fehler korrigieren zu wollen. Noch treibe ich meine Scherze mit der Option, vielleicht irrtümlich in ein sicheres Drittland abgeschoben zu werden. Holland zum Beispiel. Mit fünfhundert Klauhandys und einem windschiefen Corolla. Ich fühle mich wie Sondermüll. Man weiß nicht, wohin damit. Die Experten sind sich noch nicht über den Grad der Kontamination einig. Eins ist sicher: Hier drin wird er nicht abklingen. Es liegt an mir. Ich bin nicht wie die anderen. Die anderen allerdings sind es auch nicht.
Ich habe ein Infoblatt. 131 Insassen sitzen demnach zur Zeit ein.

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