Krimis in der Sackgasse?

Was wird aus den Krimis? Sie tarnen sich wieder, die Cover sind möglichst unauffällig. Thomas Wörtche sieht im gesellschaftlichen Rollback auch ein ästhtisches Rollback heraufziehen. Eine Analyse mit erstaunlichen Befunden.

Krimis sind nahrhaft. Sie dienen als eine Art Nährlösung für diverse andere Literaturen. Die großen Krimi-Erfolge der letzten Jahre zeigen das sehr schön: Henning Mankell, Donna Leon, Martha Grimes etc. finanzieren nicht etwa avancierte Kriminalliteratur, sondern eher schwer verkäufliche Titel. Das ist einerseits sehr erfreulich für die beteiligten Verlagshäuser und sehr notwendig, um bestimmte hochqualitative andere Literatur präsentieren zu können. Andererseits hat es fatale Folgen für Kriminalliteratur.

Um dieses Paradox auflösen zu können, müssen wir zunächst einmal feststellen, dass die Kluft zwischen kommerziell erfolgreichen Krimis und qualitativ diskutabler Kriminalliteratur zur Zeit besonders groß ist. Man kann schon fast sagen, dass ästhetische Qualität von Kriminalromanen (die man mit Kriterien beschreiben kann und die nicht in reinen Geschmacksurteilen aufgeht) ein Killerkriterium für den Markt bedeutet. Die Reihe der aus den Verlagsprogrammen verschwundenen Autoren wird immer beängstigender: Ray Ring, Tom Kakonis, Jerry Oster, Julian Rathbone, Andreu Martín, Alan Furst, Tom Adcock etc.etc. Die Reihe derer, die man aus schlicht wirtschaftlichen Gründen nicht verlegen kann, wenn man kein Geld zu verschenken hat, möchte ich hier erst gar nicht aufmachen. Bis auf ein paar Glücksfälle (Ellroy, Connnelly, Izzo, McBain) sind die Bestsellerlisten fest in den Händen der Belanglosig- und Beliebigkeiten. Selbst ein Gigant wie John Le Carré hat keine Chancen gegen Trivialitäten a la Anne Perry & Co. Der Einwand, dies sei schon immer so gewesen, ist völlig richtig, trifft aber die Situation nicht ganz. Denn es gab Zeiten, in denen die genannten Verschwundenen zumindest ihren Platz in den einschlägigen Reihen hatten - und ihre treuen Leser und Leserinnen. Das Sterben der Krimi-Reihen in den großen Häusern, das in den Jahren 1999 und 2000 vonstatten gegangen war, hatte einen merkwürdigen Effekt: Die "Krimis" wanderten als Romane oder anderswie unauffällig getarnt in die allgemeinen Taschenbuchreihen (oder wurden als teure HC verkleidet auf dem "Literatur"-Sektor getestet), die seriöse Kriminalliteratur verschwand zusehends vom Markt, der Terminus "Krimi" rutschte in die pejorative Ecke zurück, aus der er sich in den letzten zwei Dekaden mühevoll herausgearbeitet hatte. Keine-Krimis-zu-mögen gibt heute wieder einen pseudo-ästhetischen Distinktionsgewinn her, der recht eigentlich ein sozialpsychologischer ist, der sich aus einem gewissen "Elitedenken" ableitet: Bourdieu pur, sozusagen. Das ist zumindest eine bemerkenswerte Verschiebung, zumal sich gleichzeitig das "Hochfeuilleton" auf die kriminalliterarischen Light-Produkte stürzt. Und damit sind wir wieder bei unserem Paradox - die Ernährung von nicht-kriminalliterarischen Büchern durch Krimis in HC-Gestalt. Die verlegerische Logik gilt aber lediglich für die großen Buch-Konzerne, die ja eigentlich gerade das Ende der Mischkalkulation verkündet hatten.

So gelingt es zum Beispiel dem Grafit-Verlag eine reine "Krimi"-Reihe ohne literarische Ambition sehr erfolgreich auf dem Markt zu halten und dauernd auszubauen. Dito der Militzke-Verlag aus Leipzig, und in Berlin wagt der Be.Bra-Verlag ebenfalls eine neue Reihe mit Krimis. Das Interesse des Publikums an eher schnell und einfach konsumierbar erzählten Geschichten mit stark regionalem Bezug scheint zu funktionieren, wenn man nicht die Megaumsätze der Großen aus strukturellen Gründen braucht. Die Freunde von eher avantgardistischen und avancierten Büchern des Genres bedient Frank Nowatzkis "Pulp Master"- Reihe - ein kleines, feines und liebevoll aufgezogenes Ein-Mann-Unternehmen, das sich aber durchaus im Geschäft halten kann. Einen anderen Weg geht der Distel-Verlag: Mit den sorgfältigen Neu-Editionen kriminalliterarischer Highlights aus Frankreich (Manchette, Pouy) zielt er auf genau das Publikum, das Qualität auf diesem Gebiet zu schätzen weiß. Die Einsicht in die Limits dieses Marktes schützt vor überzogenen Erwartungen, deren Risiken man wiederum mit sinnvollem Einsatz der vorhandenen Ressourcen abfedern kann. Das schnelle (und m.E. voreilige) Ende von "DuMont noir" hatte genau in dieser Einschätzung resp. Fehleinschätzung seine Gründe: Es ist allgemein bekannt, dass es im deutschsprachigen Lesegebiet ein Publikum von jeweils ca. 10.000 Lesern für spezialisierte Subgenres (nicht für tertiäre Kategorien wie "Katzenkrimis") der Kriminalliteratur gibt. Über die geistesgeschichtlichen Gründe hierüber muss man an anderer Stelle nachdenken. Auf jeden Fall ist eine philologisch orientierte Reihe, die nicht allerneueste Autoren aus verschiedenen Untersortierungen von Kriminaliteratur anbietet, sondern sich sogar auf genrehistorisch wichtige, aber nicht sonderlich populäre und noch nicht zu allgemeinen Klassikern gereifte Autoren aus einem einzigen Sprachraum (dem angloamerikanischen) kapriziert, nur dann verloren, wenn sie sich dieser Einschränkungen des Marktpotentials nicht bewusst ist.

Jedoch: Potentiale ändern sich. Bedenkt man in analogen Kulturzusammenhängen — vor allem in der Musik - den allmählich auch auf Verkaufszahlen einwirkenden one-wold-Faktor, dann spricht einiges dafür, dass auch auf dem Buchmarkt die angloamerikanische Dominanz allmählich bröckeln könnte. Genauer: Die US-amerikanische Dominanz, die z.B. auch in Großbritannien allmählich als lästig empfunden wird. Spürbare Konsequenzen: Krimis, Thriller, sogar ausgewachsene Kriminalliteratur aus anderen Weltgegenden als der USA finden zunehmend Zuspruch. Zwar gab es schon früher hin und wieder kleine nationale Wogen (im Gefolge von Sjöwall/Wahlöö und Janwillem van de Wetering etwa oder die kleine Spanienwelle im Umfeld des Spanien-Buchmesse 1991), die aber nur ein kleines Gekräusel waren verglichen mit dem Angebot, dass man jetzt in den Katalogen der Verlage findet. Autoren und Autorinnen aus Lateinamerika, aus Skandinavien, aus Asien und Australien, aus Italien, Finnland, Portugal etc. sind bedeutend stärker präsent als vor einigen Jahren. Das hat nur vordergründig mit dem oft gehörten Argument zu tun, die Übersetzungsrechte dafür seien billiger zu haben als für "amerikanische Ware". Eine solche Überlegung mag irgendwann einmal initiativ gewesen sein, sich überhaupt auf anderen Kontinenten und in anderen Sprachräumen umzusehen — aber de facto kann man heute etablierte Autoren aus den USA "billiger" einkaufen als aufsteigende Sterne aus Mexiko, Argentinien oder Kolumbien. Inzwischen ist aus diesem Trend eine erfreuliche Erweiterung des kriminalliterarischen Horizonts geworden — und wird, wie der Erfolg des Zürcher Unionsverlages zeigt, der mit seinem metro-Programm als Pionier dieser Entwicklung gelten darf, zunehmend vom Publikum angenommen. Zwar ist die Kluft zwischen einem metro-Spitzentitel (egal ob als Hardcover oder als Taschenbuch) und den üblichen Bestsellern in nackten Zahlen noch erschütternd, aber das hat eben auch mit dem Hiatus zwischen reiner Marktgängigkeit und qualitativem Niveau zu tun. Allerdings funktioniert das Prinzip inzwischen auch in großverlegerischen Dimensionen, wie die schön aufgemachten und intelligent zusammengestellten Bände der Edition Lübbe zeigen.

In dieser Entwicklung liegt übrigens eine optimistisch machende Dialektik: Zwischen formelhaft produzierten Bestsellern und ästhetisch befriedigender Kriminalliteratur mag es bald zum Zustand tertium non datur kommen. Wünschenswert wäre das deshalb, weil dann die Vermengung im Reden über Krimi und Kriminalliteratur nicht mehr länger unter der absurden Einzigartigkeit leiden müsste, dass man mit dem gleichen Namen banalsten Trivialkitsch und wichtige Literatur meint. Niemand, der vom Roman des 20. Jahrhunderts redet, redet über Proust und Konsalik gleichzeitig. Jeder der heute über "Krimis" redet, redet überJerome Charyn und Elizabeth George gleichzeitig. Und das muss schiefgehen. Bleibt noch der Zustand der deutschsprachigen Szene. Die ist amorph wie selten und höchstens von ein paar Einzelgängern geprägt. Der Verlagsort sagt da gar nichts aus. Ein Solitär (auch qualitativ) wie Heinrich Steinfest aus Wien kann bei Bastei erscheinen, Roger M. Fiedler publiziert im Internet und Leute wie Ulrich Ritzel oder Sam Jaun bei kleinen bis kleinsten Verlagen. Die alten Kämpen des "Soziokrimis" und die mittelständischen "Frauenkrimi"-Ladies sind erstaunlich zurückhaltend. Die Umbrüche in der Verlagswelt haben eine große Verunsicherung ausgelöst, die zunehmend dem Print-on-Demand-Angebot Autoren und -innen zuführt, die vor zehn Jahren noch in Großverlagen Forderungen nach Hardcover und Werbemittel stellen konnten. Es wäre mehr als fahrlässig, zu diesen Umbruchsituationen Prognosen zu wagen. Nur so viel: Interessante schriftstellerische Talente (Tobias 0. Meissner, Georg Klein) scheinen sich im Moment eher da zu tummeln, wo "Genre" nicht auf dem Cover steht. Ein gesellschaftliches Rollback auch in Gestalt eines ästhetischen ...