Cea

Ein paar Stunden entfernt von Ourense liegt ein kleiner verschlafener Ort zwischen den Hügeln, Cea. Das Pueblo ist urig, empfängt mit drolligen Steinbauten aus Quadern, die man geschickt ineinander gefügt und zugerichtet hat. Viele Häuser verfügen noch über die traditionellen Speicher für Mais und Feldfrüchte, die Horrios. Es sind auf Säulen gestellte, schmale Räume mit guter Belüftung, die von Nagern nicht erreicht werden können. Damit sich die kleinen Räuber nicht an den Stelzen hinauf arbeiten können, sitzen zwischen Säulen und Speicher breite Steinplatten, unter denen die Tiere keinen Halt finden. Auch einige der Gebäude stehen auf steinernen Stelzen, und die Straßen bilden kein regelmäßiges Grundmuster. Es gibt kaum einheitliche Bauhöhen, die Architektur folgt größtenteils dem Platzangebot und dem buckeligen Relief. Inmitten des Ortes steht einsam ein Glockenturm. Das einzige geöffnete Café am Platz wird von drei Herren belebt, die dem Fernseher lauschen oder draußen rauchen. Es ist heiß. Der Raucher sagt, es wäre ungewöhnlich heiß für Galizien. Im selben Moment arbeitet sich eine Gruppe Peregrinos um die Ecken des Dorfes, die schon am heftigen Anstieg hinter Ourense ihre Mühe hatten. Sie sind ohne Gepäck unterwegs, logieren in Hotels und durchwandern gerade die letzten Meilen bis Santiago. Das hat Juri erfahren, der sich durch das Gruppetto am Vormittag durch gearbeitet hat. Wir trafen uns unterwegs und gingen dann die letzten paar Kilometer nach einigen Erfrischungsgetränken gemeinsam in das Steindorf. Es scheiden sich tatsächlich die Geister, was die jeweiligen Motive angeht, die dazu antreiben, nach Santiago zu gehen. Die Touristengruppe sah jedenfalls sehr mitgenommen aus. Ich denke, dass ihnen die nächsten Hitzekilometer den Rest geben werden. Ich selbst habe mit Juri darüber nachgedacht, ob ich noch ein paar Kilometer dranhängen soll, doch sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Man kann einen Umweg zu einem sehenswerten Kloster gehen, doch das brächte einem zwei harte Stunden unter der Sonne ein, die sich am nächsten Tag nicht auszahlen, weil man dann wieder zur Strecke zurück muss. Das Ziel Santiago vor Augen muss man seinen Eifer bremsen. So sehr eine solche Besichtigung auch reizte, die Strapazen würden die Eindrücke fressen. So wird geduscht, gewaschen und ein Kaffee in Frieden getrunken, und die Ruhe des Ortes wirkt auf die Seele ein, ich hätte bald gesagt: wie ein längst verlassener Friedhof. Allerdings: Der erste Eindruck täuscht auch hier im Norden Spaniens sehr. Die Pueblos wirken ausgestorben, bis die Siesta endet, dann füllen sie sich mit Leben. Ab sechs Uhr wird das hier auch passieren. Man muss nur ein bisschen Geduld haben. Mit sich selbst und mit den anderen. Abends kocht sich Juri eine Carbonara und unterhält damit die halbe Herberge. Deutsche singen unter der Dusche, Italiener beim Kochen. Eye of the Tiger schallt aus der Küche und dazu steigen die Gerüche auf, die man von Mamas Pasta kennt. Es sind noch etwa 85 km bis Santiago. In der Herberge trafen nun auch die jugendlichen Peregrinotouristen wieder ein. Sie sitzen auf ihren Betten und diskutieren, wie sie am geschicktesten die Spielregeln umgehen können. Die Spielregeln, die ich nach der langen Strecke immer noch nicht kenne.

Unterwegs zu sein, ist eine eigene Erfahrung. Das Nomadentum im Menschen reduziert unsere Handlungen und Gedanken schnell auf das Wesentliche. Wo kann ich schlafen, wo bekomme ich Wasser, wo esse ich, wie wasche ich mich und meine Kleidung, was brauche und trage ich, was lasse ich zurück? Der Wunsch nach Entdeckung von Neuem überwiegt tagsüber das Bedürfnis nach Routinen, und schließlich meldet sich auf dem Weg schnell die Einkehr, die Innenschau. Eine Art von innerer Inventur zwingt dich täglich, deine Verfassung zu überprüfen. Was kannst du dir zumuten, was überfordert dich, wie weit kannst du gehen, wie weit willst du gehen? Man kümmert sich um Schmerzen und Wehwehchen und braucht dafür seine innere Ruhe. Daher tut es gut, allein unterwegs zu sein, oft Stunden mit sich selbst allein. Man wünscht sich keine Gesellschaft als die, die man zufällig auf der Straße trifft. Dann wird es oft herzlich, danach dann wieder still. Viele Etappen verknüpfen Cafés mit anderen Cafés. Orte, an denen man für kurze Zeit die Beine ausruht und etwas heißes, aromatisches für den Magen sucht, die Sonne genießt oder den Schatten, auf das Handy guckt und Strecken abschätzt.

Papierbettzeug in der Herberge. Decken sind selten. Es empfiehlt sich, einen leichten Schlafsack dabei zu haben
Am Nachmittag lässt man sich von jeder Herberge aufs Neue überraschen. Die Orte, an denen man schläft, gleichen sich ja sehr stark, ganz besonders, wenn es kommunale Herbergen sind. Doch die Hostaleros sind sehr verschieden und die Zusammensetzung der Pilger, die dort nächtigen, wechselt sehr schnell. Je nachdem, wen man trifft, verändern die Orte ihr Gesicht. Das Prozedere an den Herbergen läuft in etwa so ab, dass man an der Herberge angekommen seine Credencial vorzeigt und seinen Ausweis. Man bekommt einen schmuckvollen Stempel für den Weg nach Santiago und einen Matratzenbezug aus Papier. Die Beiträge sind gering und können von einer freiwilligen Spende bis 15-18 Euro betragen. Geschlafen wird in Stockbetten in zumeist gemischten Schlafsälen, Bad und WC sind durchweg auf dem Gang zu finden, es gibt fast immer eine Gelegenheit zur Handwäsche für das nötigste und eine Wäscheleine. Wenn Küchen vorhanden sind, haben sie eine oft spartanische Ausstattung. So wird man sich nach der Ankunft schnell nach einem Restaurant umsehen, das ein Pilgermenü anbietet. Es ist sehr günstig und reichhaltig, manchmal typisch für die Region. Am nächsten Morgen steht man am besten früh genug auf, um beim ersten Dämmerlicht schon wieder auf dem Weg zu sein, wenn man die gelben Pfeile nach Santiago erkennen kann. Ein Frühstück muss man sich dann in der Regel auf dem Weg selber suchen.