Schrödingers Katze

Schrödinger war ja Physiker. Einer DER Physiker für mich. Vielleicht sogar wichtiger als Aristoteles. Denn wenn die Physik einmal so weit sein wird, die eigene Wissenschaft als erkenntnistheoretische Philosophie zu betrachten, wird man den Wiener zu den axiomatischen Urvätern rechnen müssen. Eine seiner größten Hinterlassenschaften war die Schrödingergleichung.

Die Schrödingergleichung iћ∂/∂t = Ĥverknüpft die zeitliche Änderung eines Zustands (man könnte sagen: einer Situation) mit seinem/ihrem Energieinhalt. Damit ist sie in ganz eleganter Weise nebenbei nicht nur quantenmechanisch, sondern thermodynamisch und bei gleicher Gelegenheit wunderschön einfach. Man kann mit ihr fast wie mit trigonometrischen Funktionen rechnen. Kein Wunder, dass sehr viele Lösungen dieser Gleichung dann auch trigonometrisch sind, cos(φ), sin(φ), e(iφ).

Die erkenntnistheoretische Substanz der Quantenmechanik resultiert unter anderem aus dem Ergebnis der sogenannten Hauptachsentransformation des Hamiltonoperators, der in der aufgelösten Form sowohl das Problem, als auch die Lösung und ihr Adjungiertes repräsentiert. Problem = Lösung+ mal LösungProblem = Lösung+ mal Lösung. Eine Gleichung, die mir auch schon häufig durchs Sozialleben geholfen hat.

Die vielleicht größte Errungenschaft Schrödingers ist allerdings die Erfindung der Katze. Sicher gab es auch vor Schrödinger schon Katzen. Aber diese Sorte Katze gab es nie, die Katze, die gleichzeitig tot und lebendig ist, die an mehreren Orten gleichzeitig sein kann und über das ganze Universum verstreut existiert. Man kann eine Schrödingerkatze nicht fangen. Man kann sie anzünden und auf diese Weise feststellen, wie schnell sie ist. Doch am Ende dieses Vorgangs wäre die Katze ganz sicher tot, und das widerspricht der Ethik des Physikers.

Eine solche Katze wiederspiegelt auch das Phänomen der Lösung des Problems in seiner Selbstdarstellung sehr schön. Frage könnte lauten, ob die tote Katze das Problem löse oder die lebende, und was letztendlich bei gelöster Katze das Problem überhaupt sei. Das Problem mit dieser Katze hier ist: sie ist überall und nirgends und das auf dialektische Weise. Sie IST Dialektik.

Karl Marx hätte sie sicher These genannt, Kant wäre von der Antithese zur reinen Vernunft ausgegangen. Der Physiker beschreibt das vollständig so: Antithese x These = Problem. Und Katze = Lösung. Schrödingers Katze kümmert's kaum. Die nimmt ihr Strickzeug auseinander. Auch das hat was Lehrhaftes an sich, mit welcher Zielstrebigkeit man Unsinn treiben kann. Und das praktisch folgenlos. Sagen wir mal: unter Ausnahme der Maus.

Schrödinger beschreibt diese mördersiche Apparatur, in der eine Katze dem möglichen Ausströmen einer giftigen Substanz ausgesetzt ist, die wiederum durch den Zerfall eines einzigen Cäsium-Atoms freigesetzt würde. Die Katze lebte gleichzeitig und wäre gleichzeitig tot, weil der Zerfall des Cäsiumkerns solange nicht stattgefunden hätte, wie er nicht beobachtet worden wäre.

Da stellt sich dem Humanisten die Wahrnehmungsfrage. Nimmt eine Katze wahr? Beobachtet sie infolge dessen? Wird also auch die Katze zum Physiker, indem sie ihren eigenen Tod betrachtet? Dann könnte sie auch ohne Hingucken von Schrödinger bereits tot in ihrer Kiste liegen, weil sie nachgeguckt hätte, ob Cäsium zerfällt. Erkenntnistheoretisch läuft das allerdings auf eine ganz große neue Frage hinaus: Kann man die Beseeltheit der Katze messen, indem man ihren Tot in Kisten beobachtet?

Was wenn wir selbst diese Katze wären? Wir beobachteten uns selbst in dieser Katze (adjungierter Operator), während wir Unsinn treiben (beobachten) und uns dabei unmerklich selbst vergiften (Umweltverschmutzung/Cäsium/Fokoshima/Krieg). Das Problem, das wir sähen, wäre im Grund die Reflexion unseres Selbst. Wir sehen uns mit schonungsloser Offenheit gleichzeitig sympathisch Katze sein und dabei Mensch sein müssen.

Das nun ist daran wirklich dialektisch. Denn die Physik beginnt, sich selbst zu beschreiben, den Prozess des Physizierens an sich. Wozu, fragt man sich, stellt man solche (glücklicherweise gedanklichen) Experimente an? Und wozu die anderen Experimente, die nicht mehr gedanklich blieben? Kernspaltung zum Beispiel. Die Katze weiß es: oder besser, sie weiß mit Sokrates, daß sie es nicht weiß. Denn Nicht-Wissen und gleichzeitiges Wissen ist das Problem des Wissenwollens oder die Triebfeder der Neugier.

Die Katze weiß nicht, warum sie das Strickzeug zerlegt. Aber warum auch? Sie tut es. Das ist der wahre Grund, warum wir unsere Umwelt erforschen. In Wirklichkeit hat nämlich nicht Schrödinger die Katze, sondern die Katze hat Schrödinger erfunden.