Sei, was du bist!

Am Samstag stehe ich vor der Kathedrale von Sevilla und frage mich nach diesem Pilgerausweis durch. Man nennt ihn Credential. Eine Stunde später halte ich den gefalteten Pass in Händen, der mich als offizieller Pilger auf dem Jakobsweg ausweisen wird. Ein erhebender Moment. Da alles so schnell gegangen ist, verstehe ich noch immer selbst nicht ganz, wie es denn eigentlich dazu gekommen ist. Aber müssen wir das? Oder ist der erste Schritt dieses klare Bekenntnis, zu tun, was gerade getan werden will? Anders, um es mit einem der Esoteriker zu sagen, deren Lehre sich in einem einzigen Satz zusammen fassen läßt: Sei, was du bist!

Das also geschieht quasi mit mir, als ich in einem alten Stadtviertel Sevillas vor dem Espresso sitze und meinen Namen in die vorgesehenen Felder eintrage, Adresse, Datum und mein Herkunftsland. Die Daten kommen mir vor wie die eines Fremden. Noch einmal geht es an der Kathedrale vorbei, um dort den Stempel einzuholen, der dem allen seine Gültigkeit verleiht, und dann … ja, bemerke ich, dass ich wohl der erste Pilger bin, der bereits vor Antritt seiner Reise schreckliche Blasen unter den Füßen hat. Ich hatte nämlich einige Kilometer vorab in Ayamonte gelaufen, dabei nachlässig auf Socken in den billigen Wanderschuhen verzichtet und mir meine Sohlen auf der Asphaltstraße ruiniert. Die Hitzewelle hat sich inzwischen auch prächtig entwickelt, in Andalusiens Hauptstadt fehlt der Küstenwind, und die Gehwege glühen. Es ist jetzt schon der erste Samstag im Juli, und ich frage mich längst nicht mehr, was ich da angefangen habe. Nur zweifele ich allmählich, ob das nicht so eine Art von Trotz zum Ausdruck bringt, als wolle etwas in mir behaupten, dass das alles mir nichts anhaben könne. Allen anderen vielleicht, mir aber nicht.

Und diese finstere Ahnung, dass hier bald schon eine höhere Macht für demütige Einsichten sorgen wird. Ja, sie wird sich als begründet erweisen.