Santiponce

Der erste Tag am Camino zeigt mir dann auch gleich schon meine Grenzen auf. Es geht aus der Andalusischen Hauptstadt hinaus in eine öde Steppenlandschaft, in der jeder Großstädter seinen Müll zu entsorgen scheint, dann weiter an der malerischen Autobahn Richtung Córdoba und der nach Mérida. Der Weg ist staubig und lässt sich weithin überschauen: auch in der Entfernung, soweit man blicken kann, nur Staub und Ödnis. Der „Grüne Weg“ gehört den Ameisen. Auf einer Nachbarpiste übt sich ein Motocrosser, und die Meter längen sich aus zu Meilen. Das erste Ziel ist Santiponce, in dessen römischen Ruinen ich vor fast zwanzig Jahren meine ersten Erfahrungen als Reiseleiter gesammelt habe. Ausgerechnet an einem Montag, als das Monument geschlossen war. Damals hatte ich versucht, einen der Wächter zu bestechen, damit er mich und meine Gruppe einlässt. Nein, besser nicht daran zurückdenken. Der Anfang zumindest dieses Weges könnte eine - vielleicht unliebsame - Zeitreise werden. Ein Film, dem man zu Fuß nicht entrinnen kann. Die Gedanken begleiten mich wie alte Freunde. Manche liebt man, manche nicht.

Gegen Mittag bin ich also schon in der alten Römersiedlung und freue mich über den unverhofften Schwung, den mir mein Weg mitgibt, doch erkenne ich nichts wieder von dem, was ich so sorgfältig in meinen Erinnerung aufbewahrt hatte. Auch in Itálica stehen die Uhren nicht seit zweitausend Jahren still. Ich trinke Kaffee in Santiponce, es ist Sonntag, mir geht auf, dass der Luxus einer solchen Pause rar werden könnte. Ein Blick auf die Karte bestätigt meinen Verdacht, dass bis zum Etappenziel Verpflegung nicht mehr möglich ist. Zehn Kilometer zur Mittagszeit bewältigt zu haben, sind keine große Leistung. Und exakt meine Befürchtungen treten ein, als ich Santiponce verlasse, mich auf einer schnurgerade in die Landschaft gezogenen Schotterpiste finde, und keinen Schatten mehr ausmachen kann, keine Anzeichen von Zivilisation, ja nicht mal einen Wasserhahn. Keine Bäume, keine Bäche, keinen Strauch. Der Weg biegt sich unter der brennenden Sonne zu einer Schale aus Geröll. Die Ränder weichen mit jedem Schritt, den meine Füße in den Schotter schrubben. Keine Pause.

Als ich Guillena erreiche, das erste Etappenziel, fühlen sich die Blasen an meinen Fußsohlen wie eine einzige an, ein stechender Schmerz geht vom rechten Knie aus, die Hitze hält mich ab, nur noch einen Viertel Kilometer zu gehen, denn am Ortseingang steht die rettende Tankstelle, in der es Wasser gibt, frisch gepressten Orangensaft, Kaffee und eine Arbeitskraft, die sich offensichtlich über gar nichts mehr wundert. Ich fühle mich, als sollte hier gleich ein Krankenwagen gerufen werden, und das Unternehmen sei kläglich gescheitert, tausend Kilometer weiter zu wandern als aus dem klimatisierten Serviceraum, zum Ortsschild und genau (die Karten-App rechnet es aus) 200 Schritte bis zur Herberge.