Takeout

Die Cagoules jagten mich aus den Banlieue, als die Razzia vorbei war. Sie hatten ihren Verräter. Kaum waren die Sondereinheiten mit ihren Beweisstücken abgezogen, brachen sie eine Revolte vom Zaun. Man hatte ihre Wohnungen durchsucht und illegale Medien beschlagnahmt. Man hatte die Beures aus ihren Wohnungen gezerrt und auf den schäbigen Fluren der Betonburgen zusammen getrieben. Wie Verbrecher wurden sie verhört. Die Vorstadt glich einem Hexenkessel. Unter Gasmasken versuchten die Sonderkommandos, die Ordnung wieder herzustellen. Tränengas verquoll unsere Augen, Steine flogen. Knüppel schlugen blindlings in die Menge, Brandsätze kamen zurück. Die Angreifer antworteten mit Gummigeschossen. Eins davon hatte mich getroffen, als ich, wie sie sagten, auf der Flucht vor dem Gesetz war. Die Cagoules konnten sich nicht erklären, wer sie auf unsere Spur gebracht hatte. Nur weil ich der Außenseiter war, musste ich als Sündenbock herhalten. Ein Kind mit dummen Phantasien im Kopf. Die Vorstadt glich einem Schlachtfeld. Als die Panzerwagen mit ihrer Beute abgezogen waren, hatten sie mich halbtot liegen gelassen. Allein das war schon ein endgültiges Urteil. Sie hatten mich nicht mitgenommen. Ich musste der Spitzel sein. Mein Schuldspruch war die Freiheit, die sie mir gelassen hatten. Ich versuchte aufzustehen und wurde durch Fußtritte gehindert. Es waren Freunde aus der Nachbarschaft, die auf mich einprügelten. Ihr Hass machte die Kinder zu Bestien, und die Älteren ließen es zu. Leere Gesichter glotzten aus den Fenstern geschändeter Wohnungen herunter. Nichts als Fassungslosigkeit im Ausdruck. Die Wut der Machtlosigkeit entlud sich an einem der ihren. La Rage. Hier und da flackerte sie in einem auf, der in den Trümmern nach den Ursachen für die Niederlage stocherte. Dabei hatten sie mich ins Visier genommen. Sie ließen an mir ihre Wut aus. Erst als jemand schrie, die Brigaden seien noch in der Nähe, hatte meine Tortur ein Ende. Es sollte nicht von Dauer sein. Die Eindringlinge waren längst abgezogen. Nur einzelne Späher patrouillierten noch über der zerbrechlichen Ordnung, die sie am Nachmittag hergestellt hatten. Da, wo noch Feuer flackerten, wurden sie von Löschtrupps erstickt. Hin und wieder fauchte ein CO2-Strahl seinen trockenen Atem in ein Brandnest und brachte den kläglichen Rest des Aufruhrs zum Schweigen. Die Parolen der Aufrührer erstickten sie selbst unter dicken Schals, die sie sich um die Gesichter gewickelt hatten. Ohne Ziel flogen Steine über nutzlose Barrikaden zur Stadt, und ich wurde für einen Moment vergessen. Ich wälzte mich zwischen Glassplittern in einem Trümmerfeld. Momente, in denen ich mühsam aus dem Dunstkreis der besiegten Rebellen kriechen konnte wie die Schlange aus dem Paradies. Ich schaffte es bis zu einem ausgebrannten Autowrack. Da spürten sie mich auf und traten wieder auf mich ein. Schüsse fielen, niemand wusste woher sie kamen. Es waren dem Anschein nach Gaspatronen. Die Angreifer ließen von mir ab und stürzten sich wieder auf die Feuerlöscher. Ein einzelner Mann zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, der mit einem Gerät aus dem Heizungskeller seine Habe retten wollte. Er flüchtete mit der mattroten Flasche im Arm zum Hauseingang zurück. Und verschwand. Ich machte noch ein paar Meter, zog mich an einem Geländer hoch und plumpste auf der anderen Seite über die Brüstung. Trockener Rasen empfing mich mit einem harten Aufprall. Ich rutschte die Böschung hinab. Der Platz für die Skater. An den Wänden hatten sich die Sprayer mit ihren Sprüchen verewigt. Das Gesetz der Vorstadt war allgegenwärtig: You can’t hide.