Unter Sternen

Es ist Donnerstag. Um sieben habe ich die Herberge verlassen und mich schon eine halbe Stunde später im Naturreservat von Cornalvo wiedergefunden. Nach zwei Litern Rotwein gestern dauerte es eine Weile, bis der Verstand wach wurde. Als die Eindrücke des Morgens auf den halb noch schlafenden Wanderer einstürmten, war es mir, als hätte meine gesamte Reise hier ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Das Reservat ist eine magische Welt. Der Weg windet sich zwischen Korkeichen, Oliven, Felsgruppen durch, an ausgetrockneten Bächen entlang, stets leicht hügelig bergauf, bis man schließlich auf einer Anhöhe steht und in weite Landschaft blickt. Ich rechnete nicht damit, weit zu kommen, doch als es Mittag wurde und ich in dem kleinen Café Los Oliveros neben einer Tankstelle saß, fühlte ich mich gut genug, um auch nachmittags noch zwei Stunden zu gehen. Gegen vier Uhr erreiche ich einen einsamen Stausee (Embalse de Ayuela) und breite dort meine Decke aus. Ich habe alles, was ich brauche, also reift der Entschluss, unter freiem Himmel zu schlafen. Endlich einmal.

Es wird ein Ameisenmärchen. Die umtriebigen Tiere sind neben Vieh und Vögeln das einzige Leben unter der Sonne. Ameisen sind überall. Auf meinem Weg fiel mir die Dichte ihrer Kolonialisierung dieses Planeten bereits ins Auge, wenn ich versuchte, ihnen mit meinen Fußtritten auszuweichen. Es war schier unmöglich. Diese Erfahrung wiederholt sich gerade. Die Picknickdecke, die ich unter einer Steineiche ausgebreitet hatte, um ein Mittagsschläfchen zu halten, hielt die Ameisen nicht ab. Im Gegenteil schienen sie den neuen Lebensraum um jeden Preis erkunden zu wollen. Zunächst kamen einzelne. Dann stürmten sie die Festung. Da sie nicht piekten, wie Ameisen das sonst so tun, ließ ich sie eine Weile gewähren, doch sie sammelten sich in solchen Scharen auf und in meinem Rucksack, in den Schuhen, auf meinem Körper tanzten sie ihren Feuertanz, dass es nicht zu ertragen war. Sie ließen sich nicht abwimmeln. Einen schattigen Liegeplatz gab es auch nicht zweimal wie diesen hier, es lief also auf eine Geduldprobe hinaus. Wer bleibt und wer geht? Gegen sieben Uhr wussten wir es. Ich suchte mir eine niedrige Baumgruppe und hängte dort die Hängematte ein. Eine gute Entscheidung. Die Nacht unter den Sternen traumhaft, der Wanderer ungestört, Vögel und Vieh einträchtig, nur kalt war es am See. Ich bin dankbar für den Schlafsack, den ich fast unbenutzt einige Hundert Kilometer geschleppt habe.

An diesem See beobachtete ich eine Schafherde. Sie bimmelte sich gemächlich am Ufer entlang. Kein Hund, kein Schäfer in der Nähe. Es existieren natürlich auch keine Zäune. Das Vieh bleibt in der schmalen Uferzone, wo winzige grüne Halme sprießen. Fünf Meter weg vom Wasser herrscht Trockenheit. Bizarre Gebinde aus Distelblüten und eingetrockneten Sträuchern bilden dort eine Barriere für meine Socken. Alles, was am Boden liegt, sammelt sich im Textil - und verkleistert natürlich auch den Pelz der Tiere. Manche Halme spießen sich in den Stoff und reiben dir dann die Haut unaufhörlich auf. Versuchst du sie zu entfernen, merkst du, wie ausdauernd sie sind. Die Tiere kümmert es nicht. Sie arbeiten sich, während ich mit den Ameisen fechte, allmählich um den See herum auf mich zu. Da fällt mir ein einsames Auto auf, das weit hinten unter Bäumen parkt. Eine Gestalt löst sich von dem Wagen und schreitet zum Wasser. Scheint als hätte sich ein müder Autofahrer von der Autovia hierher verirrt. Der Mann nimmt ein Bad und kehrt erst nach fast einer Stunde wieder zum Auto zurück. Das muss erholsam gewesen sein. Ich war ja auch schon drin. Etwas eingedickt, ist das Wasser dennoch sauber, nur in Ufernähe nicht klar. Die Karpfen weiden dort so ruhig, dass man sie mit der Hand fangen könnte. Zum Abend hin wird das Wasser wärmer. Die Fische springen in Saltos, um nach Luft zu schnappen. Der Badegast ist der Schäfer, wie sich dann zeigt, als es langsam kühler wird.

Dann tauchen nämlich drei riesige Hunde auf und schreiten gemächlich zur Tat. Gemeinsam mit dem Schäfer holen sie gegen Abend die Tiere ab, damit sie zusammen bleiben. Ein Storch hat sich eingefunden, steht majestätisch am Ufer und beäugt gelassen die Szenerie. Herr Professor Doktor hat noch keinen Hunger. Die Reiher allerdings staksen zackig durch die Uferzone und schnäbeln aus dem Wasser, was dort unvorsichtig ist. Oder gelähmt von der Hitze. Ein Karpfen glotzt mich mit offenem Maul an. Von fern hört man die Autobahn leiser summen. Ich nehme mir vor, beim nächsten Stausee Wein mitzunehmen.