ALLöF WIRD GUT - Oranje

›Niemals‹ und ›immer‹ sind zwei Wörter, die bei jedem Gebrauch stumpfer und stumpfer werden. Sei’s drum: Ich war immer überzeugt, dass ich niemals in eine solche Lage kommen würde.
Doch für alles haben die Götter eine Lösung, so auch für meine Depression. Aus dem Unterholz leuchtete mir, kaum dass ich anfing zu frieren, auf der Suche nach Nistmaterial das verlockende Purpur des heimischen Fingerhut entgegen. Von mattem Pfirsichgeruch untermalt, kamen ermunternde Reminiszenzen an die Kindheit wieder hoch wie die Frage: willst du dich umbringen? … wenn man seine Finger in die Blüten steckte, um die kleinen Glocken zu läuten. Digitalis hat bei allen üblen Nebenwirkungen ein Gutes. Es ist schnell vorbei, sagt man, und problemlos zu dosieren. Die ultimative Flucht kann selbst Chief Deputy Marshal Gerard nicht stoppen, und man braucht kein Doktor Kimble zu sein, um sich auf den Weg zu machen.
Als ich das tat, entdeckte ich die Vielfalt der heimischen Wälder. Fliegenpilz, mindestens so werbewirksam im Wald verteilt wie die ›M‹-s von McDonald am Bahnhof. Einbeere, Aaronstab und Maiglöckchen, die Apotheke des kleinen Mannes auf dem Weg zum ewigen Glück. ALLöF WIRD GUT ...
... auch das mit den Zähnen:

Sie lesen hier
den Roman in Episoden

Premiumleser wissen mehr: hier für 9,99€ das Taschenbuch
Wären nur die Hundehaufen nicht gewesen, ich hätte schon zum Morgengrauen auf Moses Schoß hocken können. Aber wer will schon mit dem Geschmack von Hundekacke auf der Zunge sterben? Blöd gelaufen: Die anderen waren mal wieder schneller.
Im Unterholz lernte ich Luuk Leyden kennen, den um die späte Stunde ähnliche Motive in die Natur führten. Er hat ein Tuch um die Stirn gewickelt und hinten mit einem Knoten befestigt, das ihm Ähnlichkeit mit einem Zweimeterhasen verleiht, wie man sie heute nur noch vereinzelt in Freizeitparks antreffen kann. Den ersten Eindruck festigen zwei imponierende Schneidezähne, die unter dem Schurz einer hochgezogenen Oberlippe aus Luuk Leydens Nase wachsen. Sie geben seiner Stimme auch den unverwechselbaren Klang eines Grammophons, dessen Nadel sich durch eine dicke Staubschicht kratzt.
Luuks Kopftuch ist von der selben Farbe wie mein schmuckes Kleid. Der Ton der Freiheit macht uns auch gleich zu Gesinnungsgenossen. Allerdings würde er ›Oranje‹ dazu sagen, was an sein Nationalgefühl appelliert und einem Fußballverein hilft zu gewinnen. Mit Hilfe des Oranjelappens hat der Niederländer eine Maglight über seinem Ohr befestigt, sodass er sich im Wald besser orientieren kann. Was er da sucht? Dumme Frage! Es wächst in kleinen Plastikbeuteln und nennt sich Gras. Vereinzelt sind bunte Perlen darunter, die unter anderem viel Zucker enthalten, denn wer kifft, kriegt meistens Appetit. ›Unter Anderem‹ ist allerdings der Hauptinhaltsstoff der kleinen Kalorienbomben und der Grund für die Maglight, dass ›Unter Anderem‹ unter anderem auch fluoresziert. Der Holländer hat das Zeug am Nachmittag über den Zaun geworfen, als die Polizei über den Campingplatz schlich. Muss am Fußball liegen und einem Randalepokal.

-- Fortsetzung folgt -- Anfang hier --