ALLöF WIRD GUT - Zechpreller

Gegen elf Uhr sind die Austern fines de claires von der Karte verschwunden, zehn Minuten später der Schinken Daniele, Tafelspitz, gebeizter Lachs und alle Sorten von Käse. Das Carpaccio geht um die Mittagszeit zur Neige, kurz bevor es keinen Zander mehr gibt. Der Laden brummt. Ich hatte mir ein Handy geborgt und Hana Kattrin angerufen, aber erwartungsgemäß keinen erreicht. Mag sein, sie steckte im Verkehr fest.
Angesichts des drohenden Schichtwechsels der Servicekräfte war eine Entscheidung gefragt. Sollte ich mich irgendeinem Mitmenschen offenbaren? Ich meine: irgendeinem, denn ich fühle mich fremd im eigenen Land. So fremd, dass ich keinen und keiner mich kennt. Alle um mich her sind irgendeine/r. Vielleicht vom Äquator bis zum Pol. Noch genoss ich das Ansehen eines kunstinteressierten Arp-Besuchers. Also eines Vertreters der Schicht, dem das Geld locker genug in der Tasche sitzt, um sich als latzbehoster Bettler auf hohem Niveau auszugeben. Somit erübrigte sich bis dato die praktische Frage, wer den fingerdicken Stapel meiner Rechnungen begleicht.
Im Angesicht des Schiffswracks im Rhein war es zumindest mir zweifelhaft, wohin mich Ehrlichkeit im Leben brachte, bringt oder brächte. Ich entschloss mich, Konfrontationen mit der Wirklichkeit künftig zu meiden. ALLöF WIRD GUT ...
... auch das mit den Zähnen:

Sie lesen hier
den Roman in Episoden

Premiumleser wissen mehr: hier für 9,99€ das Taschenbuch
Da ich ja irgendwie persönlich den Laden angekurbelt hatte, wenn nicht durch ein blondes Barthaar und einen bösen Wunsch, dann durch das mir zäh am Hacken klebende Pech, betrachtete ich mich als eingeladen. Moralisch ist damit meine Umweltbilanz wieder im Lot.
Die bescheidenen Grundbedürfnisse eines buddhistischen Bettelmönchs, der sich in greller Robe barfuß durch das Leben schlägt, dürften sich alles in allem mit der Fahrkarte ans andere Ufer auf glatte hundert Euro addieren. So viel Geld hatte ich zuletzt nicht mal bei mir, als ich noch welches bei mir hatte. Man fühlt sich irgendwie leer ohne Bargeld in einem Lokal, in dem der Bon auf handgeschöpftem Büttenpapier gesiebdruckt wird. Die Stimmung legt sich aufs Ambiente, und irgendwann fühlt man sich nicht mehr ganz und gar unter Seinesgleichen. Der Prozess der Kriminalisierung der menschlichen Seele hatte eingesetzt, wie ihn Plautius so schön beschreibt. ›Lupus est homo homini, quom qualis sit non novit‹. Kein Mensch der Mensch, wenn man sich nicht kennt.
Da ich mich in einer gleich doppelten Notlage befand, ließ ich mal alle Fünfe gerade sein, die Rechnung auf dem Tisch liegen und zur Feier des Tages ein fremdes Handy in meiner Tasche verschwinden. Das Scheiseding roch nach Schminke.

-- Fortsetzung folgt -- Anfang hier --